Die Jugendstilgalerie

Wir befinden uns in einem eleganten Haus in einer größeren Stadt an der „Waterkant“, zu einer Zeit, als die Uhren noch langsamer zu ticken schienen, die Menschen noch etwas freundlicher und höflicher miteinander umgingen, die Dekadenz der Reichen und „Schönen“ aber schon genau so lächerlich wirkte wie heute, nur daß damals das niedere Volk noch nicht so viel Einblick in diese Gesellschaftsschicht hatte.

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Einige jedoch hatten Einblick, und zwar mehr, als ihnen oft lieb war – und das waren die Dienstboten!

Meine Schwiegermutter arbeitete als junge Frau als Dienstmädchen auf einem kleinen Schloss, und da Rita alle Puppen für meine Häuser macht, nahm sie die Erinnerungen ihrer Mama zur Grundlage für die illustere Gesellschaft in meiner Kunstgalerie.

Die Besitzerin des Hauses ist Rosa Wurm, die Tochter von Herrn (Bücher-) Wurm, der in Gelderland eine Bibliothek  betreibt .

 Rosa also wohnt in den oberen Gemächern des Jugendstilhauses. Sie lebt gerne etwas zurückgezogen, und manchmal sind ihr Hausmädchen Olga und ihr Papagei ihre einzige Gesellschaft.

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Oben unter dem Dach befindet sich ihr Schlafzimmer, recht nüchtern eingerichtet, aber zweckmäßig.

Das Wohnzimmer darunter ist allerdings sehr repräsantativ, mit teuren Wandbildern und kostbaren Möbeln bestückt. Die bemalte Truhe ist ein Familienerbstück, und sie bewahrt darin immer noch ihr Hochzeitskleid auf, welches nie einen Altar gesehen hat, aber das ist eine andere Geschichte!

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Unter dem Wohnzimmer befinden sich die Küche und das Bad, beides mit allem Komfort und Luxus der damaligen Zeit ausgestattet. Die arme Olga, eine russischstämmige, etwas tollpatschige Hausangestellte, die immer noch wenig versteht und sehr einsam ist, hat mal wieder ein teures Glas heruntergeworfen und muß jetzt weinend das Malheur beseitigen. Die Chefin hat allerdings sehr viel Geduld mit ihr und wird sicher nicht schimpfen.

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Rosa liegt sehr gern in ihrer bequemen Badewanne und denkt über ihr Leben nach. Im Grunde ist sie immer noch eine schöne Frau mit ihren roten Haaren und der schlanken Figur, aber ihr fehlt der Mut und auch die Gelegenheit, noch einmal einer neuen Liebe eine Chance zu geben, zu tief sitzt der Stachel der großen Enttäuschung, die sie erleben mußte.

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Auf der linken Seite des Hauses befindet sich das Treppenhaus, man kann einen kleinen Blick durch die geöffneten Türen erhaschen. Unten schließlich ist die Kunstgalerie, welche Rosa die Grundlage für ihr sorgenfreies Leben bietet, denn die feine Gesellschaft der Stadt hat viel Zeit und Muße, sich mit den schönen Künsten zu befassen. Im Moment findet gerade eine Lesung aus den „Merseburger Zaubersprüchen“ statt. Begleitend dazu gibt es eine Ausstellung mit Kunstgegenständen und Gemälden, die sich mit dem Thema „Mystik und Zauberei“ befassen. Rosa hat sehr viel Freude am Zusammentragen der Kostbarkeiten gehabt.

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Manches sind nur Leihgaben, und die Sorge um Verlust oder Beschädigung ist groß. Aber die wenigen Kinder, welche die Ausstellung besuchen, sind ja wohlerzogen – und damit sind wir auch schon bei der vornehmen Gesellschaft, die sich um die Vorleserin, Friederike von Altwitsch, eine Witwe aus dem verarmten Adel, welche sich mit derlei Tätigkeiten etwas dazuverdienen muß, versammelt hat.

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Da diese Personen die Herrschaft meiner Schwiegermutter waren, darf ich die Nachnamen nicht veröffentlichen! Die Familie wäre sicher wenig begeistert!

Da ist zunächst der alte Graf Egon von P., ein Adliger mit recht kleinem Besitz, aber einem großen Standesdünkel.

Sein Sohn Clemens sitzt neben ihm und ist ganz aufgeregt wegen der zu erwartenden spannenden Zaubersprüche, er würde sie am liebsten gleich ausprobieren, ahnt aber noch nicht, daß diese Zaubersprüche seine Erwartungen nicht erfüllen werden !

Wer ihn genau betrachtet, wird eine gewisse Ähnlichkeit mit Baron Fredi von E. nicht verleugnen können, von dem gemunkelt wird, der sei der Geliebte der Baronin „Mausi“ von P. gewesen.

Der alte Baron jedoch hegt kein Mißtrauen und liebt seinen Sohn abgöttisch, ganz im Gegensatz zu seinen Töchtern Rosario und Sieglinde, die ihm rechtschaffen gleichgültig sind, da sie ja „nur“ Mädchen sind. Die würden tüchtig Geld kosten, wenn sie mal heiraten, wobei es für Baronesse Rosario, die ältere, schon ziemlich eilt, denn sie ist inzwischen 27 Jahre alt, und ihre Intelligenz und Bildung haben bisher keinen der Junggesellen aus ihrer Gesellschaftsschicht dazu bewogen, ihr den Hof zu machen. In diesen Kreisen sind dumme Frauen beliebter, Hauptsache, sie schmückten ihren Ehegatten bei offiziellen Anlässen und liefern einen Stammhalter.

Die jüngere, Baronesse Sieglinde, ist ein fröhliches Mädchen, nicht dumm, aber auch nicht besonders klug und noch etwas ungelenk in ihren hölzernen Bewegungen. Wenn sie läuft, hat man den Eindruck, sie habe einen Besenstiel verschluckt, und ihre Beine und Füße sind immer etwas eher am Bestimmungsort als der Rest ihres Körpers.

Die alte Baronin, von ihrem Gatten liebevoll „Mausi“ genannt, ist eigentlich noch eine gutaussehende Frau, aber ihre langen Haare sind schon etwas dünn geworden, und so flicht sie sie stets zu einem Zopf, den sie anschließend ganz breit zieht und mehrere Male um ihren Kopf windet. Auf diese Weise sieht es nach viel mehr aus, und die kahlen Stellen sind weitgehend verdeckt.

Über den jungen Fotografen Franz Josef A. gibt es nicht viel zu sagen, außer vielleicht, daß er insgeheim die Baronesse Rosario verehrt, aber da er nicht standesgemäß ist, wird das sein Geheimnis bleiben. Auf jeden Fall hat er heute reichlich Gelegenheit, seine Angebetete abzulichten.

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Nun etwas zur Entstehung meines Puppenhauses:

Als erstes war da die Idee, ein Haus im Stil der alten deutschen (Nürnberger) Wandhäuser zu bauen. Dann ging die Suche los. Da das Haus für einen potenziellen Käufer auch in einer kleinen Wohnung noch unterzubringen sein sollte, durfte die Grundfläche nicht zu groß sein. Der eventuelle spätere Stellplatz bedingte dann eine möglichst geringe Tiefe. Damit blieb nur ein möglichst hohes Haus, quasi die Zimmer „aufeinander gestapelt“.

Literaturquellen hatten wir, und zwar ein Architekturlehrbuch von 1898/1910. Die gedachte Zeit für das Haus sollte so um 1900 sein. Das Vorbild wurde gefunden, war aber dann doch zu hoch: In 1 zu 12 wäre es gute 1,80 Meter hoch geworden, das war zu viel, also wurde das Haus auf ca. 1,30 Meter gestaucht. Diese Häuser waren auf Breiten um 6,00 Meter geplant, das sind 0,50 Meter in 1 zu 12 – einfach ideal für mein Vorhaben!

Da solche „Handtuchhäuser“ meist sehr tief waren, wurde auf die hintere Hälfte des Gebäudes verzichtet. Diese wurde durch das Treppenhaus lediglich angedeutet. Die Einteilung der Räume wurde aber so vorgenommen, das es auch ohne „Hinterteil“ möglich erscheint, darin zu wohnen und zu arbeiten.

Angenommenerweise wurde das Haus um 1800 gebaut und um 1900 einschließlich Fassade modernisiert. So erklärt sich das Wohnzimmer im Stil der Zeit um 1850, zu erkennen an der leider in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhundert aus der Mode gekommenen „erzählenden“ Bildtapete. Dazu kommen Bad und Küche aus der Zeit um 1900, beide in der Art des Jugendstil, die Küche mit Wand- und Deckenmalerei aus dieser Zeit hergerichtet.

Die Nutzung der Geschäftsräume stellte eine langwierige Herausforderung dar. “Gewonnen“ hat schließlich die Galerie bzw. Kunsthalle. Dort findet ja gerade eine Vorlesung mittelalterlicher Zaubersprüche statt, und die Kunstgegenstände beziehen sich mehr oder weniger darauf. Gerade Hieronymus Bosch oder Arnold Böcklin scheinen für dieses Thema geeignet.

Als Fassade sollte es im Vergleich zu meinen bisherigen Häusern mal etwas Anderes sein, und so entschied ich mich auch hier für den Jugendstil. Vorlagen kann man auch heute noch in ganz Europa finden: Beispiele sieht man in Riga, München, Palma oder Spa und in vielen anderen großen und kleinen Orten.

Das Gebäude ist aus Holz erstellt, alle Fenster und Türen sind von mir selbst entworfen und gebaut.

Die typischen Jugendstilverzierungen im oberen Teil des Hauses wurden von Rita in Stucktechnik entworfen und aufgebracht.

Das Haus ist ein Unikat.

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