Die Welt ist eine Scheibe

Vor „klein“ kam „ganz klein“… Wer kennt nicht das Bild vom Papi, der dem Sohn eine Modellbahn schenkt, damit der Vater was zum Spielen hat? Tja, der Mann von Welt hat Tochter und modellbahnt stolz und würdig selber. Ehe er in der Hauptsache zum 1:12 – Format wechselt, jedenfalls.

Viele Jahre lang bin ich als Bauleiter in der Weltgeschichte herumgereist, was endlose Abende in faden Hotels in noch faderen Dörfern am Ende der Welt bedeutete. Nun habe ich mich schon immer für Architektur interessiert, und so saß ich denn eines solchen Abends da und bastelte zwecks Zeitvertreib mein erstes Modellbahnhäuschen zusammen. Ein Häuschen steht selten allein, Modellbahnhäuschen ohne Modellbahn sind sinnentleert, und Modellbahn braucht Landschaft, um zu wirken. Mit anderen Worten, der Hobbygrundstein war gelegt, und Vater auf Jahre hinaus beschäftigt. Bis der Dachboden voll war. Und der Heizkeller. Und das ein oder andere Regal. Und ein leises Grübeln einsetzte, weil die Gestaltungsmöglichkeiten ausgereizt schienen. Etwas Außergewöhnliches mußte her, eine Zwischenbilanz, die sich als Höhe- und vorläufiger Endpunkt entpuppt hat: Die Runde.

Kreisförmige Modellbahnanlagen in nennenswerter Größe (hat da etwa jemand „Z“ gesagt? Wir reden natürlich von Spur N) sind vergleichsweise selten, weil sie dank „Eckverlust“ per se schon recht raumgreifend sind und zudem nur dann wirken, wenn man sie auch um und um betrachten, sprich herumgehen kann. Wer da kein freies Zimmer zur Verfügung hat, entdeckt plötzlich und unerwartet die Schönheiten des Eckigen neu… Glücklicherweise ergab sich für mein Projekt noch ein Plätzchen, und heute ziert das fertige Objekt mit einem Durchmesser von fast anderthalb Metern einen üppigen Winkel im Minimuseum. Bis dahin waren es rund sechs Monate Arbeit: Insgesamt drei Gleiskreise führen durch eine mehrstöckige Landschaft, die den deutschen Mittelgebirgen nachempfunden ist. Brücken überspannen einen Flußlauf, der sich zwischen Burgen, Fachwerkhäuschen und einer Kirche schlängelt. (Diese Bebauung verrät dem aufmerksamen Betrachter allerdings, daß diese spezielle Welt nicht nur eine Scheibe, sondern obendrein in mehr als einer Hinsicht klein ist: Alle Häuser sind Nachbildungen historischer Bauten, deren Originale über ganz Deutschland verteilt sind – vom hohen Norden bis in´s Schwäbische.) Und Tochter spielt das „Ei, wo iss er denn?“ – Spiel mit den diversen Tunnelausgängen und vier historischen Zügen: Dem ersten Zug von Nürnberg nach Fürth, dem ersten Fernzug Dresden / Leipzig, dem Hofzug des Königs Maximilian II. von Bayern (den er auch in der damals bayrischen Pfalz benutzte) und dem König – Ludwig – Zug. Hier wird nicht nur wiederum halb Deutschland, sondern auch ein Großteil des 19. Jahrhunderts abgedeckt: Zeitlich bewegen sich die Bahnen zwischen 1830 und 1890.