Der Bergmannskotten

Wenn ich mich recht entsinne, fing alles damit an, daß Papa nur mal ausprobieren wollte, ob man en miniature eigentlich richtiges Fachwerk bauen kann. Ein paar Leisten, ein wenig Gips, penibel von Hand geflochtene Weidenruten – das Endergebnis ist jetzt puppenhaushoch, hat viel Zeit und Mühe gekostet und ist eines der schönsten Stücke der Sammlung. Denn irgendwann kam der Tag, an dem aus dem kleinen Stück Fachwerk ein neues Projekt wurde und Papa mir stolz und würdig verkündete, als nächstes baue er einen Kotten.

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Von meiner Schädeldecke echote ein verwirrtes „Wat is dat denn?!?“, und es entpuppte sich im nachhinein als Schande, daß die passende Information jemandem, der in diesem Duktus denkt, nicht in die Gene eingebrannt ist – denn die Kotten gehörten zum Kohlenpott wie die Schicht in den Schacht. Allerdings in einer Epoche, in der es noch kein Internet gab – jetzt die Rettung, denn die berühmte Suchmaschine mit dem „G“ klärte mich auf:

Wir befinden uns in vorindustrieller Zeit, rauchende Schlote sind noch Zukunftsmusik, und dementsprechend hat der Bergbau noch nicht den Stellenwert, den er dermaleinst einmal haben wird. Statt dessen wird er in winterlicher Saisonarbeit erledigt, als Stiefkind der von der Wetterlage außer gefecht gesetzten Kleinbauernexistenzen. Oder andersherum: Weil Steinkohle als arme – Leute – Heizmittel angesehen wird und dementsprechend schlechte Preise bringt (wer etwas Besseres ist, gibt Holz und Holzkohle den Vorzug), reicht der Bergbau als Lebensgrundlage nicht aus und muß mit sommerlicher Landwirtschaft zugefüttet werde. Aus dem Bergmann wird ein Kleinsthofbesitzer.

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Der Kotten ist dabei das häuslebauerische Pendant zur berühmten eierlegenden Wollmilchsau: Ein selbst er-, an- und ausgebautes Fachwerkhäuschen beherbergt die Familie in Schlafräumen und Küche, es bietet Platz für ein wenig Vieh, dessen Körperwärme gleich mit heizen hilft, und die dazugehörige Landparzelle reicht für den Gemüsegarten, die Obstbäume und ein wenig Ackerland und Weide. Diese Mini – Höfe verteilen sich bald in Streusiedlungen über das gesamte Ruhrgebiet und werden prägend für sein Landschaftsbild.

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Na bitte. Kotten ermittelt! – Was Papa da zaubert, hat allerdings mit den paar schnöden Zeilen nicht viel gemein:

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In seinem Hof finden sich ein kleines Hühnerhaus nebst Bewohnern, Bienenkörbe und ein Taubenschlag.

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Etwas Süßes und was zum Spielen: Kinderüberraschung, Mittelalteredition! Und eine Spezialanfertigung obendrein: Da bislang noch niemand auf die Idee eines 1:12 Bienenkorbes gekommen zu sein scheint, hat Mama kurzerhand zwei gehäkelt. Und sie wäre nicht Mama, wenn´s nicht auch einige Bienen hätte. In 1:12. Da dachte ich, die Erbsen seien Wahnwitz gewesen…

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Die Taubenzucht war Bergmann´s Lichtblick, ein typisches Ruhrpott – Hobby, das die Zechen bis in unsere Zeiten überdauert hat.

Aber was da brummt und fleucht ist natürlich nicht das einzige Getier:

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Bei Papa gibt´s Schafe, auch ein schwarzes, Ziegen und einen Esel, und auf dem Dachboden lauert die Katze. Daß Esel und Zicklein so amüsiert dreinschauen, mag am handgezimmerten Plumpsklo im Stall liegen, denn selbst die Krone der Schöpfung macht auf dem Lokus keine gute Figur…

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Die Schweine im Koben sind die Lebensversicherung, soll Fleisch auf dem Speiseplan stehen, muß eher ein Flügeltier dran glauben. Grünzeug gibt es nur, wenn die Schnecke im Gemüsebeet rechtzeitig entdeckt wird. (Bonuspunkte für den, der sie findet!) Dazu kommt der Hofhund, ein kleiner Mischling, der ein Stückchen weiter gerade einen räuberischen Nager verbellt.

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Es handelt sich um einen sogenannten Feldhamster, der vielen auf den ersten Blick außer Maßstab erscheint – aber der Feldhamster gehört nicht umsonst zu den GROSShamstern, besondere Prachtexemplare können es auf bis zu 35 Zentimeter Körperlänge und ein ganzes Pfund Gewicht bringen. Da kommt schon einiges an eßbarem Fleisch und schönem, buntem Fell zusammen, das man gegebenenfalls weiterverarbeiten kann. Deshalb wurden die Feldhamster auch gezielt gejagt, in Fallen gefangen oder aus ihren Bauten ausgegraben. Wenn sich unser Miniaturfreund also einen Kohlkopf räubert, ist das ein durchaus nachvollziehbarer Racheakt…

Auch an den restlichen Tieren mag dem Fachmann auffallen, daß sie anders ausschauen als ihre Vettern heutzutage: Zucht und Mode haben über die Jahrhunderte das ihrige getan, so daß die vierbeinigen Bewohner des Kotten von Hand bemalt werden mußten, um eine historisch korrekte Fellfärbung zu tragen.

Die maßstabsgetreuen hausbesitzenden Vertreter des homo mehr oder weniger sapiens beschränken sich auf ein sehr ausdrucksstarkes und in Papier gekleidetes Pärchen:

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Der vielgeplagte Benedikt ist vor dem Haus ein wenig eingenickt – aber das stille Glück wird nicht lange währen, denn seine leider Gottes weit weniger stille Gattin naht erhobenen Fingers und hat mit Sicherheit mal wieder irgend etwas zu nörgeln.

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Dahinter steckt bestimmt eine lange Geschichte… Oder auch nur ein frühes Aufflackern der Frauenbewegung, denn während sich im Sommer die ganze Familie um die Landwirtschaft kümmert, ist sie im Winter das Hoheitsgebeit der Frau, während der Mann unter Tage ist. Vielleicht will Magda ob der gleichwertigen Pflichten auch gleichwertige Rechte? Trotzdem könnte sie dem armen Benedikt ruhig sein Schläfchen gönnen, wer weiß, wann die Sonne wieder so schön scheint.

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Aber wenigstens heutzutage sind die Geschlechter wieder versöhnt, denn die Puppen hat Mama für Papa handgefertigt.

– Während der Bauphase ist Benedikt übrigens noch von einer Ecke in die andere gewandert, womöglich auf der ständigen Suche nach einem ruhigen Plätzchen. Erst ganz zum Schluß hat der lauschige Winkel vor dem Haus das Rennen gemacht.

Neben dem Rohbau und seinen menschlichen und tierischen Bewohnern braucht´s natürlich auch noch Möbel und Deko, oftmals selbstgemacht oder als paßgenaue Sonderanfertigung von anderen Spezialisten. Ein besonderes Schmuckstück ist der altmodische Pflug. Tische, Bänke, Betten, Truhen: Da macht dem 1:1 – Hausherrn keiner mehr etwas vor!

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Dabei ist die hohe Kunst, das, was im Original grob und schäbig aussieht, en miniature fein säuberlich zu vergroben und einzuschäbigen… Was es an Zubehör in Mini noch nicht gibt, macht Mama kurzentschlossen selber, im Zweifelsfall aus Fimo.

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Gelegentlich hat auch der Amateur die Hand im Spiel, denn Krüge und Körbe sind wohlgefüllt mit von einer liebenden Tochter einzeln handgeklebten Körnchen. Der ein oder andere liebevolle Fluch ob der Tücke des Objekts kann durchaus auch mit im Spiel gewesen sein… Die Äpfel für den Winter trocknen auf der Bettstatt und versüßen die Träume der Schlafenden mit ihrem Duft.

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Außerdem wird Sauerkraut im Steintopf eingemacht, und im Bottich winden sich die todgeweihten Aale. Selbst der Flüchtling, der es schon halb über den Rand geschafft hat, wird nicht weit kommen.

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Was es an Säugetieren schon dahingerafft hat, räuchert im Schacht im ersten Stock, und werden die Schafe geschoren, steht das Spinnrad schon bereit.

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Das letztendliche Markenzeichen des Kotten ist aber, in bester Benindscher Tradition, der Schachtelbau: Die engen Häuserteile mit der steilen Treppe und den abenteuerliche Verbindungen sind historisch verbürgt, schließlich wuchsen die Kotten mit den Bedüfnissen ihrer Bewohner, die neben Bergmann und Landwirt nun nicht auch noch Architekt sein konnten und da anbauten, wo es gerade hinpaßte – bis das Ergebnis aussah wie die Kletterburg auf dem Abenteuerspielplatz. Wer sich im Stollen nicht den Hals brach, hatte auf dem heimischen Hof reelle Chancen…

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Dazu hier noch eine Ecke und da noch ein Winkel, und irgendwo kann man immer noch etwas herausnehmen oder aufklappen oder wegschieben – um dahinter die nächste Überraschung zu entdecken. Das Ganze kann man – was auch sonst – drehen; und der Natursteinboden ist genau das: Natursteinboden. Die Dächer sind mit Steinen beschwert, um dem Wetter besser zu trotzen – im Winter dienen hölzerne Laden vor den Fenstern dem selben Zweck. Glas war für die armen Bergleute meist unerschwinglich, Bendedikt und Magda sind stolze Besitzer einer einzelnen Scheibe; statt dessen waren die Fenster oft mit Sackleinen verhängt.

Kurz, Papa hat sich mal wieder selbst übertroffen. Und ich will ´nen Feldhamster.

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